Shotokan Karate

1901 führte der Hauptschullehrer Gichin Funakoshi eine Karatedemonstrations in der Schule von Naha anlässliche eines Besuches des Schulkommissars der japanischen Provinz Kogoshima. Dieser war so begeistert von Funakoshis Darbietungen, dass er Karate ab 1903 als Teil es Lehrplans an allen okinawanischen Schulen einführte. Das war der Beginn des Shotokan Karate und der Verbreitung des Karate in Japan. 

Shotokan – das Haus des Pinienrauschens

Jedoch hatte Funakoshi bereits nach wenigen Jahren keine Kontrolle mehr über die Entwicklung des Karate-do. Viele seiner Schüler fanden mehr Interesse am sportlichen Aspekt, weshalb das Trainieren von Techniken und die Entwicklung eines Kampfsystems in den Vordergrund gerückt sind. Funakoshi versuchte zu retten, was noch gerettet werden konnte und so führte er einige Änderungen durch. Er änderte die Bedeutung von Kara-te von chinesische Hand in leere Hand, die Kata Namen erhielten eine japanische Bezeichnung und sein Shotokan Karate wurde im Butokukai, dem zentralen Dachverband Japans, in dem all traditionellen Kampfkünste Japans vereinigt sind, anerkannt.

Kara-te – Leere Hand

1936 gründete er das Shotokan Dojo in Japan, wo das traditionelle Karate am längsten anhielt. Doch auch hier war der Drang zum Sportkarate größer, weshalb die Freikampfübungen Gohon-Kumite, Sanbon-Kumite und Ippon-Kumite eingeführt wurden. 1946 wurde von Funakoshis Schüler die JKA (Japan Karate Association) gegründet, um das modernisierte Shotokan Karate endgültig als Wettbewerbssport mit klarem Regelwerk zu verbreiten. Vor seinem Tod stellte Funakoshi die Shoto Niju Kun auf, die 20 Regeln des Shotokan Karate, die seine Vorstellungen vom wahren Karate wiederspiegeln.

Shoto Niju Kun – 20 Regeln des Shotokan

Shoto Niju kun

Die 20 Lehren des Shoto

Die Shoto Niju Kun sind die 20 Lehren des Shoto, hat Gichin Funakoshi gegen Ende seiner Lebzeiten aufgestellt, um seine Vorstellungen vom wahren Weg des Karate-do zu vermitteln. Viele seiner Schüler versuchten Änderungen seiner Lehren vorzunehmen und die Kampfkunst gegen seinen Willen hin zum Wettkampfsport zu wandeln. Letztendlich hat sich Karate zu einem populärer Kampfsport entwickelt, dennoch sind die traditionellen Werte nicht in Vergessenheit geraten und werden parallel weiter unterrichtet.

Das Ziel ist es, die Philosophie des Karate-do auf das eigene Leben zu übertragen und so die vielen Vorteile der Kampfkunst zu genießen und ein allgemein besseres und gesünderes Leben zu führen. Die Shoto Niju Kun sind schwer zu interpretieren, doch werden sie immer verständlicher je länger man den Weg des Karate-do geht.

Karate-do wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto wo wasuruna.
Vergiss nie: Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.

Ein respektvoller Umgang ist ganz wesentlich im Karate. Deshalb verbeugen wir uns immer vor und nach einer Kata oder bevor wir das Dojo betreten und nachdem wir es verlassen haben. Diese Lehre soll uns nicht vergessen lassen, dass wir unser Leben stets mit respektvollem Verhalten leben sollen ganz gleich, ob im oder außerhalb des Dojo.

Karate ni sente nashi.
Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.

Diese Lehre sollte nicht wörtlich genommen werden, denn sowohl im Wettkampf als auch im Leben allgemein gewinnt man meistens mit dem ersten Angriff. Jedoch sollte man niemals einen Streit oder einen Kampf provozieren. In der Selbstverteidigung kann dies sogar zu einem bösen Ende führen. 

Karate wa gino tasuke.
Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.

Ein Karateka ist sicher kein Gerechtigkeitskämpfer, doch versucht er stets das Richtige zu tun und sich an die Regeln zu halten. Was das Richtig ist, entscheidet letzendlich jeder für sich, jedoch hat man schon mit dem Beginn des Karate-do einen ersten wichtigen Schritt in die richtige Richtung eingeschlagen. 

Mazu onoreo shire, shikashite tao shire.
Erkenne dich selbst zuerst, dann den Anderen.

Sein inneres Ich genaustens zu kennen, erfordert viel Ausdauer und Mut. Nicht jeder kann sich seine Fehler eingestehen oder sich seiner Stärken bewusst sein, aber die die es können, können am Ende jedes Hindernis überwinden und jeden Feind besiegen. Letzendlich können sie die Situation besser bewerten und dementsprechend handeln.

Gijitsu yori shinjitsu.
Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.

Karate beginnt im Kopf. Ein starker Geist formt einen starken Körper, weshalb im Karatetraining wesentliche Aspekte des Charakters wie Kontrolle, Respekt und Vertrauen gelehrt werden. Aber auch die Techniken selbst können durch ein ausgeprägtes mentales Training verbessert werden. 

Kokorowa hanatankoto o yosu.
Lerne, deinen Geist zu kontrollieren, und befreie ihn dann von Unnützem.

Mit zunehmendem Alter und Wissen tendiert man dazu, seinen Verstand gegnüber Neuem zu verschließen. Um jedoch im Leben wie auch im Karate voran zu kommen, ist es unabdingbar eine offene Haltung gegenüber neuen Möglichkeiten und Meinungen zu haben. Ein gutes Beispiel ist das Kata Bunkai, also die Anwendung der Kata gegen einen imaginären Gegner.

Wazawaiwa ketaini seizu.
Unheil entsteht durch Nachlässigkeit.

Funakoshi war der Meinung, dass man jegliche Krankheiten und Kreislauf Störungen durch regelmäßiges Training besiegen kann. Zudem war er überzeugt, dass man mit Karate auch Unfälle und Verletzungen vorbeugen kann. Daher führt das Nicht-tätig sein und Faulhaut unabdingbar zu einem ungessunden und schlechten Leben.

Dojo nomino karate to omouna.
Karate ist nicht nur im Dojo.

Wie schon erwähnt trainiert Karate sowohl Körper als auch Geist. Daher kann der Weg des Karate-do außerhalb des Dojo über die Selbstverteidigung hinaus auf das ganze Leben übertragen werden. Insbesondere die Shoto Niju Kun, die 20 Lehren des Shoto, können ein starkes Hilfsmittel zut Überwindung der im Leben auftretenden Hindernisse darstellen.

Karate-do no shugyowa isssho de-aru.
Die Ausbildung im Karate umfasst Dein ganzes Leben.

Karate-do bedeutet der Weg der leeren Hand und sollte daher auch als solcher betrachtet werden. Karate ist ein Weg auf der Suche nach der geistigen und körperlich technischen Perfektion. Daher fordert das Karate-do zu einem lebenslangen Training und Lernen auf, weshalb der 10.Dan, der die Errungenschaft der Perfektion darstellt, erst mit dem Tod verliehen wird. 

Ara-yuru mono o karatekaseyo, sokoni myomi ari.
Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, das ist der Zauber der Kunst.

Es ist eindeutig belegt, dass ein langjähriges Karatetraining zu einem allgemeinen Wohlbefinden im eigenen Leben führt. Daher wird empfohlen, die Lehren des Karate-do im alltäglichen Leben zu übertragen. Funakoshi selbst war bis zu seinem Tod mit 89 Jahren sehr gesund und hatte, trotz der ärmlichen Verhältnisse, ein erfülltes und glückliches Leben.

Karate wa yu no gotoku taezu netsu o ataezareba motono mizuni kaeru.
Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig wärmst.

Die körperlichen und geistigen Vorteile, die man durch das regelmäßige Training genießt, halten nur solange, solange man auch weitermacht. Kühlt der Körper ab und überwiegt die eigene Bequemlichkeit, wird man schnell von Krankheiten und Verletzungen eingeholt. 

Katsu kangae wa motsuna makenu kangae wa hitsuyo.
Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach, wie du nicht verlierst.

Gewinnen ist nicht alles und wer ständig gewinnt, wird auch nicht besser. Nicht zu verlieren bedeutet, aus den eigenen Misserfolgen eine Lehre zu ziehen und sich weiterzuentwickeln. Außerdem bedeutet es, nicht einen Streit oder einen Kampf zu provozieren und solchen Situationen durch Vernunft entgegenzuwirken.

Tekki ni yotte tenka seyo.
Wandle dich, abhängig von deinem Gegner.

Wie im Kampf muss man auch im Leben auf unterschiedliche Aktionen reagieren. Man muss sich in Abhängigkeit der Hürde wandeln, dazulernen und dementsprechnd eine Handlung setzen, die zum Erfolg führt. 

Tatakai wa kyo-jitsu no soju ikan ni ari.
Der Kampf hängt von der Handhabung deiner Treffsicherheit ab.

Ein Kampf, sei es auf einer Meisterschaft oder im echten Leben, kann durch die richtige Sichtweise besiegt werden. Es geht darum den eigenen Fokus auf das richtige Ziel zu lenken. Zum Beispiel lebte Funakoshi, als er nach Tokyo gezogen war, in einem kleinen Raum in einer Schule. Mit einem lächelndem Gesicht sagte er immer, dass sein Schlafzimmer zwar klein sei, jedoch der Hinterhof gigantisch.

Hi to no te-ashi wa ken to omoe.
Stelle dir deine Hand und deinen Fuß als Schwert vor.

Funakoshi lehnte den Wettkampf strikt ab. Er glaubte an das Ikken hissatsu – der sichere Tod mit einem Treffer. Insofern sollte man eine Technik solange perfektionieren, bis man den Gegner mit einem Schlag umbringen kann. Des weiteren lehnte er die Trainingsmethode der Kata Sanchin ab, da die Schüler von den Trainern geschlagen wurden, um deren Körperspannung zu prüfen und sie auf reale Schläge und Tritte vorzubereiten. Er hielt dies, aufgrund des Glaubens, dass Hand und Fuß Schwerter sind, für sinnlos.

Danshi mon o izureba hyakuman no teki ari
Wenn man das Tor der Jugend verlässt, hat man viele Gegner.

Verlässt man die eigene Komfortzone, erwarten einen viele Prüfungen, die man zu bewältigen hat. Einmal bestanden, wächst man jedoch über sich hinaus und ist weiser und erfahener. Während des Weges des Karate-Do wird man viele Hürden überwinden müssen und nach langem Training schnell im alltäglichen Leben merken, dass man leichter mit Stresssituationen umegehen kann.

Kamae wa shoshinsha ni atowa shizentai.
Das Einnehmen einer Haltung gibt es beim Einsteiger, später gibt es den natürlichen Zustand.

Durch langjähriges Training verflüssigen sich die Bewegungen, die man im Laufe der Jahre gelernt hat. Man muss keine Kampfhaltung mehr eingehen, um eine Technik präzise durchzuführen, sondern kann sie in beliebigen Situationen aus beliebigen Anfangsstellungen ausüben. 

Kata wa tadashiku, jissen wa betsumono.
Übe die Kata korrekt, der echte Kampf ist eine andere Angelegenheit.

Die Kata beschreibt den Kampf gegen einen imaginären Gegner und dient dazu, vorgegebene Techniken in verschiedenen Kampfsituationen zu üben und zu perfektionieren. Diese sollten nicht abgeändert werden, da sie zur Grundlage des Karate-do gehören. Im Kampf jedoch muss man sich der Situation anpassen und die Anwendungen der Techniken erweitern.

Chikara no kyojaku, tai no shinshuku, waza no kankyu o wasuruna.
Vergiss nicht, dass man die Kraft stark und schwach einsetzen, den Körper strecken und zusammenziehen und die Technik schnell und langsam ausführen kann.

Karate Techniken werden nicht immer stark und schnell ausgeführt. Oft wechselt man zwischen einer lockeren Stellung am Anfang und einer starken Haltung am Ende der Technik. Außerdem ist es wichtig ein Distanzgefühl zu entwickeln und den Körper ementsprechend zu strecken oder zu verkürzen. Schließlich spielt das Timing eine wichtige Rolle. Man muss im richtigen Moment eine Technik schnell ausführen, ansonsten ist es zu spät und man wird selbst getroffen.

Tsune ni shinen kufu seyo.
Denke immer nach und versuche dich ständig am Neuen.

Funakoshi führte viele Änderungen im ursprünglichen Karate-do ein und modernisierte die Kampfkunst schließlich. Zuerst führte dies zu einer großen Ablehnung der Meister aus Okinawa, doch sahen sie mit der Zeit den Sinn der Erneuerungen und akzeptierten sie. Bis heute gab es keine Änderungen am traditionellen Karate und doch entdecken die erfahrenen Meister aufgrund ihrer individuellen Erfahrungen immer wieder neue Möglichkeiten für die Anwendungen und Trainingsmethoden des Karate-do. Außerdem war es ein großes Anliegen Funakoshis, den Weg des Karate-do auf das alltägliche Leben zu erweitern und so den Fortbestand der Kampfkunst zu wahren.

Dojo kun

Die Lehren des Dojo

Dojo ist der Ort, wo Karate praktiziert wird, jedoch ist die wahre Bedeutung des Wortes eine andere. Im Dojo versuchen die Schüler ihren richtigen Weg des Lebens zu finden. Somit sind die Dojo Kun ein Wegweiser, um die eigene Bestimmung zu finden.

Für gewöhnlich werden nach der traditionellen Meditation und Begrüßung am Ende der Trainingseinheit, die 5 Dojo Kun von Schüler und Meister aufgesagt. Aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich, weil das Sportkarate in den Vordergund geraten ist, werden sie in den meisten Karate Vereinen in Wien nicht mehr zitiert.

Jedes der 5 Dojo Kun fängt mit dem japanischen Wort HITOTSU an, was so viel wie EINS bedeutet. Es wird jedoch nicht gezählt, sondern soll viel mehr den gelichen Stellenwert der Lehren beschreiben. Am Ende jedes Kun befindet das Wort KOTO, womit die Dojo Kun als klare Weisung zu verstehen sind.

Hitotsu, Jinkaku kansei ni tsumomuru koto.
Strebe nach der Vervollkommung deines Charakters!
Hitotsu, Makoto no michi wo mamoru koto.
Sei aufrichtig in deinem Tun!
Hitotsu, Doryoku no seishin wo motomuru koto.
Sei beharrlich und ausdauernd!
Hitotsu, Reigi wo omonjiru koto.
Verhalte dich korrekt und respektvoll!
Hitotsu, Kekki no yu wo imasimuru koto.
Enthalte dich der Gewalt und übe Selbstkontrolle!